Winzendorf bringt Wildwest-Spektakel mit Tiefgang

Der Festspielsommer ist nun auch in Winzendorf eröffnet. Mit „Halbblut“ bringen Rochus Millauer (Buch) und Rainer Vogl (Regie) eine sehr actionreiche und emotionsgeladene Inszenierung auf die Bühne, welche das Stück aus dem Vorjahr noch übertrifft. Vom Inhalt hat man sich lose an dem Wendlandt-Film „Winnetou und das Halbblut Apanatschi“ orientiert. Die klassische Halbblut-Story, in der das Halbblut Ik-Senanda und der Häuptling Schwarzer Mustang das Eisenbahnercamp Firewood überfallen wollen, darf man also nicht erwarten. Dennoch werden auch eingefleischte Karl May Fans von der Aufführung in Winzendorf nicht enttäuscht werden, denn was Millauer und Vogl mit ihrem Ensemble auf der Bühne präsentieren, ist allerfeinstes Freilichttheater, welches sich auch nicht davor scheut, aktuelle Themen aufzugreifen, um die Werte Karl Mays zu veranschaulichen. Hier stimmt einfach alles: die Story ist gut durchdacht und spitzt sich Schritt für Schritt auf das spannungsgeladene Finale zu.

Curly Bill, ein skrupelloser Bandit, hat mit seinen Männern ein ganzes Indianerdorf der Komantschen gefangen genommen und lässt sie in ein Bergwerk verschleppen, wo sie für ihn als Sklaven nach Gold suchen sollen. Häuptling Schwarzer Mustang war zum Zeitpunkt des Überfalls nicht im Lager und macht sich große Vorwürfe, dass er seinem Volk nicht helfen konnte. Er zerbricht innerlich an seiner Schuld und gibt sich in der nahegelegenen Stadt Rocky Town dem Alkohol hin. Besessen von dem Gedanken, Gold zu finden, lässt Curly Bill auch das Halbblutmädchen Apanatschi entführen, nachdem er zufällig erfahren hat, dass ihr Vater ebenfalls eine Goldmine gefunden hat. Winnetou, Old Shatterhand und Sam Hawkens haben alle Hände voll zu tun, um die Komantschen und Apanatschi zu finden und sie aus der Gewalt der Banditen zu befreien. Unterstützt werden sie dabei von den beiden Westmännern Hobble Frank und Gunstick Uncle. Auch Schwarzer Mustang besinnt sich schließlich auf seine Verantwortung als Häuptling und schließt sich den Helden an. Ebenso auch der fahrende Händler Casy, doch der hegt insgeheim auch den Wunsch, an das Gold zu kommen. Und noch eine Person macht sich auf die Suche nach Apanatschi: Ik-Senanda, ein einsamer Krieger, der aufgrund traumatischer Kindheitserinnerungen innerlich zerrissen ist. Für seine schlimme Vergangenheit macht er seine Mutter verantwortlich, die ihn – wie er zumindest glaubt – kaltherzig verlassen hat. Nun will er sich dafür an ihr rächen und Apanatschi töten. Diese ist seine Halbschwester und wurde nach ihm geboren und konnte – im Gegensatz zu ihm – in einer behüteten Familie aufwachsen.

Alle Rollen, angefangen von den großen Rollen bis in die Nebenrollen, sind bestens besetzt. Christoph Prückner glänzt in seiner Rolle als Oberschurke Curly Bill. In den vergangenen Jahren war er stets in den lustigen Rollen zu sehen, doch in diesem Jahr steigert er seine schauspielerische Leistung um ein Vielfaches und gibt einen Bösewicht, wie er im Buche steht. Ganz düster und beklemmend wirken die Szenen, in denen er mit seinen maskierten Tramps auf der Bühne zu sehen ist.

Georg Blume spielt das Halbblut Ik-Senanda und verkörpert in dieser Rolle einen wahren Psychopathen. Ik-Senanda wurde als Kind in die Obhut eines Schamanen gegeben, da seine Mutter von ihrem Stamm verstoßen wurde. Tag für Tag wurde das elternlose Kind von dem Schamanen geschlagen und misshandelt, und so wurde aus ihm der mordende Krieger, der sich nun für seine Vergangenheit rächen will. Dann kommt es zu einer sehr bewegenden Szene, in der Apanatschi und Ik-Senanda aufeinander treffen, und wo der einsame Krieger von seinen innerlichen Wunden berichtet. Einmal mehr zeigt hier Georg Blume, zu welchen schauspielerischen Leistungen er fähig ist. Stimme, Körpersprache, Gesichtsausdruck – hier stimmt einfach alles. Obwohl Ik-Senanda ein Bösewicht ist, fühlt man als Zuschauer mit ihm, und angesichts der jüngsten Missbrauchskandale ist man sehr erschüttert darüber, wie tief solch erlittene Verletzungen sitzen können. Besonders hervorzuheben ist in dieser Szene vor allem auch das Zusammenspiel von Regine Rieger (Apanatschi) und Georg Blume, welches regelrechtes Gänsehautgefühl erzeugt. Genau so muss Freilichttheater inszeniert sein! Regine Rieger lebt ebenfalls in ihrer Rolle als Apanatschi, und die Zuschauer leiden mit ihr, wenn sie von den Tramps verschleppt wird. Mit Christine Renhardt haben sich die Winzendorfer eine prominente Schauspielerin ins Ensemble geholt. Sie verkörpert Mine-Yota, die Mutter von Apanatschi und Ik-Senanda. Als weiterer Promi ist Günter Tolar in der Rolle des fahrenden Händlers Casy zu sehen. Er sorgt zusammen mit Reinhard Müller als Gunstick Uncle, Sascha Titel als Hobble Frank und Rainer Vogl als Sam Hawkens für lustige Momente auf der Bühne. Der Humor wird wohl proportioniert eingesetzt, so dass die wichtigen Themen wie Menschenraub, Unterdrückung und Misshandlung im Vordergrund stehen bleiben und zum Nachdenken anregen. Helmut Urban und Balázs Schallenberg spielen gewohnt routiniert das Blutsbrüderpaar, welches bereits allein durch die Anwesenheit auf der Bühne glänzt. Von Schallenberg stammt übrigens auch die beeindruckende Kampfchoreographie, die ebenfalls nicht unerwähnt bleiben sollte. Sascha Hödl übernimmt in diesem Jahr zum ersten Mal die Rolle des großen Indianerhäuptlings. Weiter wirkt Sissi Millauer als unerschrockene Wirtin mit, die auch mal zur Waffe greift, wenn’s sein muss. Ebenso auf der Bühne stehen ihre beiden Söhne Lukas und Felix Millauer. Letzterer darf sich in der Rolle des kleinen Buben Happy mit Sam Hawkens einige lustige Wortgefechte liefern.

Fazit: ‚Halbblut‘ ist eine rundum gelungene und anspruchsvolle Inszenierung, die weitaus mehr als nur temporeiche Action und gute Unterhaltung zu bieten hat. Das Stück ist rein inhaltlich von der Handlung zwar kein echter Karl May, aber dennoch werden die Werte des großen Autors mehr als deutlich zum Ausdruck gebracht: ob es die düsteren Szenen sind, in denen die Indianer wie Tiere zur Sklavenarbeit zusammengepfercht werden, oder jene bewegenden Momente in denen Ik-Senanda von seinen grausamen Kindheitserinnerungen gequält wird – Rochus Millauer versteht es, aktuelle Themen in seiner Inszenierung aufzugreifen und das Publikum zum Nachdenken zu bewegen. Bravo !!!

Fotos: Winnetou Web Austria

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